Israel zieht belastende Dokumente über seine Vergangenheit aus dem Verkehr

Aber die Dämonen der Nakba lassen sich nicht vertreiben

Von Arn Strohmeyer, 06.08.2019

Wie hätte die Welt wohl reagiert, wenn deutsche Behörden nach dem Krieg 1945 und dem Zusammenbruch des Hitler-Staates versucht hätten, Zeugnisse und Dokumente seiner Verbrechen so zu tilgen, dass die Nachwelt davon keine Kenntnis mehr hätte nehmen können? Einmal ganz davon abgesehen, dass das gar nicht möglich war, weil es zu viele Zeugen der deutschen Untaten gab. Nun sollen die monströsen NS-Verbrechen nicht auf eine Stufe mit Israels Verbrechen an den Palästinensern gestellt werden, Hitlers Untaten haben eine ganz andere Dimension, aber die Nakba von 1948 – also die Vertreibung von 800 000 Palästinensern, der Raub ihres Landes und Eigentums und damit die Zerstörung ihrer Gesellschaft und Kultur – war ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (der israelische Historiker Ilan Pappe).

Israel hat immer alles getan, dieses furchtbare Verbrechen vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu verbergen (was ihm auch weitgehend gelungen ist), aber die jetzt – auf Anordnung von höchster Stelle – laufende Aktion einer Sondereinheit des Verteidigungsministeriums, alle mit der Nakba zusammenhängenden Dokumente auszusortieren und in sicheren Tresoren wegzuschließen oder sogar zu tilgen, um sie für die Wissenschaft und die Medien nicht mehr zugänglich zu machen, ist die direkte Fortführung der Verbrechen von 1948, die ohnehin nie geendet haben, sondern bis heute kontinuierlich andauern.

Aber diese Aktion ist vor allem eins: ein Schuldeingeständnis, also genau das, was der zionistische Staat gerade vermeiden will. Denn wer nichts zu verbergen hat, der braucht auch nichts wegzuschließen. Diese Aktion verrät noch etwas: totalitäres Denken. Mit anderen Worten: Es gilt nur eine Wahrheit in Bezug auf die Vergangenheit in diesem Staat – und das ist das zionistische Narrativ. Was wiederum beweist, wie wenig dieser Staat eine offene demokratische Gesellschaft ist.

Die Palästinenser aus dem Land und dem israelischen Bewusstsein zu verdrängen, hat eine lange Geschichte. Als die ersten jüdischen Siedler nach Palästina kamen, sahen sie die dort seit Jahrhunderten, wenn nicht seit Jahrtausenden lebenden Menschen gar nicht als solche an. Der israelische Psychologe Benjamin Beit-Hallahmi schreibt über diese Zeit: „Für den Zionismus stellte sich die Frage: Was soll mit diesen Menschen – der indigenen arabischen Bevölkerung – geschehen? Die Antwort war klar: Um einen rein jüdischen Staat zu schaffen, mussten sich die Zionisten von dieser ‚überschüssigen‘ Bevölkerung befreien. Ihre Rechte anzuerkennen und mit ihnen zusammenzuleben haben die Zionisten (von ein paar human gesinnten ‚Kulturzionisten‘ abgesehen) nie in Erwägung gezogen. Um den zionistischen Traum zu erfüllen, eben die Gründung eines eigenen Staates, war man entschlossen, hart gegen die ‚Eingeborenen‘ vorzugehen, was nicht schwer war, denn diese waren schwach, rückständig und arm.“

Wie also mit diesen arabischen Menschen umgehen? Beit-Hallahmi schreibt: „Sie waren nicht Teil einer Gleichung. Sie waren für die Zionisten eigentlich gar nicht vorhanden, waren ‚unsichtbar‘ und kamen in den Visionen und Plänen der Zionisten gar nicht vor. Die einheimische Bevölkerung musste ausgesondert und ausgeschieden (eliminated) werden.“ Der Autor schreibt weiter: „Der Krieg gegen die Eingeborenen (natives) war schlicht und einfach ein Teil der Umwandlung der Natur des Landes, und sie waren ein anderes Element der Natur, man musste sie [die Eingeborenen] erobern und sie bekämpfen wie die Sümpfe, die Hitze und die Malaria.“

Der Zionistenführer und erste israelische Ministerpräsident Ben Gurion glaubte, das Problem dadurch lösen zu können, dass das palästinensische Volk nach seiner Vertreibung in den umliegenden arabischen Völkern „aufgehen“ werde. In 50 Jahren seien die Palästinenser dann von der Welt und der Geschichte vergessen. Aber das war ein großer Irrtum, denn auch 70 Jahre nach der Gründung Israels steht das palästinensische Problem ganz oben auf der der Agenda der internationalen Politik.

Das Wegschließen oder auch Vernichten von Dokumenten passt gut in die gegenwärtige Politik Israels: Die Judaisierung ganz Palästinas (also des besetzten Westjordanlandes) und in Israel selbst (in Galiläa) geht ununterbrochen weiter, was die Vertreibung der dort lebenden Palästinenser bedeutet. Palästinensische Häuser werden zerstört und Dörfer abgerissen, die Flüchtlinge in den Lagern erhalten keine UNRWA-Hilfe mehr, und Israel zahlt die eingenommenen Steuern nicht an die palästinensische Autonomie-Behörde (PA) weiter, wozu es vertraglich verpflichtet ist, d.h. es dreht den Palästinensern schlicht den Geldhahn zu, was die Not sehr vieler Menschen vergrößert. Und in Katar wird ohne die Beteiligung der Palästinenser ein „Frieden“ für dieses Volk ausgehandelt!

Was die Israelis jetzt mit dem Wegschließen bzw. der Tilgung der Nakba-Dokumente tun, ist der Versuch, einen Schlussstrich unter ihre eigene Vergangenheit ziehen zu wollen. Man will die Erinnerung an sie auslöschen. Es ist ein alter konservativer Irrglaube, dass man sie so bewältigen und Ruhe vor ihren Dämonen finden kann. Es gibt aber offensichtlich so etwas wie ein universal gültiges sozialpsychologisches Gesetz, dass das nicht funktionieren kann. Der deutsche Historiker Eberhard Jäckel hat es am deutschen Beispiel nachgewiesen: Je ferner die Hitler-Zeit rückte, desto näher kommt sie. Auch wenn Holocaust und Nakba Verbrechen von ganz unterschiedlichen Dimensionen sind, das Gesetz ihrer Aufarbeitung ist von ganz ähnlicher Dynamik und Struktur: Nur wer seine Vergangenheit und die seines Volkes schonungslos und aufrichtig betrachtet, wird von ihr frei. Israel tut gerade das Gegenteil: Es flüchtet in die Verdrängung und die innere Unfreiheit.

Das hat seine guten Gründe, wie Ilan Pappe immer wieder aufgezeigt hat. Denn wenn die Israelis ihre Verbrechen an den Palästinensern offen eingestehen und anerkennen würden, würden sie ihren eigenen Opferstatus in Frage stellen und dem ganzen zionistischen Projekt die moralische Legitimation entziehen. Wenn man sich aber weigert, mit dem Kern des Konflikts auseinanderzusetzen, ist man friedensunfähig.

Ilan Pappe schreibt: „Jeder Versuch zur Lösung eines Konflikts muss sich zuallererst mit dessen Kern auseinandersetzen und dieser Kern findet sich meistens in seiner Geschichte. Eine verfälschte oder manipulative Geschichte erklärt oft gut, warum ein Konflikt nicht beendet wurde, während eine wahrhaftige, umfassende Betrachtung der Vergangenheit zu einem dauerhaften Frieden und einer bleibenden Lösung beitragen kann. Wie die Untersuchung des Falles Israel/Palästina zeigt, kann eine falsch verstandene Geschichte der jüngeren oder ferneren Vergangenheit sogar noch direkteren Schaden anrichten: Sie kann die Unterdrückung, Kolonisierung und Besatzung von heute rechtfertigen. Es überrascht nicht, dass in solchen Fällen auch die Gegenwart verfälscht wird, ist sie doch Teil der Geschichte, deren Vergangenheit bereits entstellt wurde. Diese Täuschungen über Vergangenheit und Gegenwart verhindern das Verständnis des fraglichen Konflikts, erlauben eine Manipulation der Fakten und richten sich gegen die Interessen all jener, die Opfer des Konflikts sind.“

Das Verstecken oder Vernichten der Nakba-Dokumente wird Israel nicht helfen, die Dämonen der Vergangenheit wird es damit nicht bannen. Sie werden sich immer wieder ungebeten einstellen.